Vorwort
Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches 1992 hat Stress an Bedeutung noch hinzugewonnen – nicht zuletzt als Risikofaktor für Herzkrankheiten, die heute leider zu den häufigsten Todesursachen zählen. Das Wissen um den krankheitsfördernden Einfluss gewisser Stressoren und einer ungesunden Stressverarbeitung durch Nikotin, Alkohol und Koffein wird deshalb auch zu einem therapeutischen Moment: Stressmedizin findet international Interesse nicht nur bei Ärzten, sondern auch bei Kranken, die von den Experten hören möchten, was sie tun können, um schädliche Belastungen hinfort zu vermeiden. Dass es jetzt zu der 2. Auflage dieses Ratgebers kam, ist denn auch der Initiative des ärztlichen Leiters einer Herzklinik, Dr. Philipp Jander zu verdanken, der Patienten und anderen Interessenten eine Möglichkeit bieten wollte, sich kompetent über biologischen Stress zu informieren.
Die Neuauflage eines Sachbuches gibt dem Autor einen willkommenen Anlass zu prüfen, ob er seinerzeit aus der Fülle wissenschaftlicher Veröffentlichungen jene ausgewählt hat, die auch später noch Bestand haben. In den vergangenen acht Jahren hat man weltweit am Thema "Stress" weitergeforscht und interessante neue Einsichten gewonnen. Doch erfreulicherweise zeigte die kritische Durchsicht, dass gegenüber der 1. Auflage nur wenig geändert werden musste – das meiste hat sich bestätigt oder wurde durch neue Forschungsergebnisse sogar noch unterstrichen.
Nicht alles, was Wissenschaftler aufdecken, kommt indes unseren Wünschen entgegen: So weisen jüngste Einblicke in die Natur des Stress-Gedächtnisses (siehe das Kapitel ab Seite 61) darauf hin, dass Stress-Erfahrungen äußerst nachhaltig im Gehirn gespeichert werden – womöglich sind sie unlöschbar (Le Doux 1998). Das mag für manche psychotherapeutische Hoffnung eine Hiobsbotschaft sein, doch bedeutet es andererseits auch einen biologischen Vorteil: Eine "eingebrannte" Erinnerung kann den Betreffenden davor schützen, zweimal in die gleiche Falle zu tappen! Zugleich demonstriert dieses Beispiel die Doppelnatur biologischer Vorgänge: Wie Schmerz, der uns vor Gefahren warnt, so kann auch unangenehmes Stressempfinden von Nutzen für das Individuum sein! Und anscheinend steckt dahinter ein universeller Überlebensmechanismus: Neueste Entdeckungen über die sogenannten "Stressproteine", die bei verschiedensten Lebewesen als Reparaturmoleküle aktiv werden, wenn deren Existenzbedingungen gefährdet sind, geben Hans Selye Recht, der 1950 den Begriff "Stress" in die Medizin einführte mit den Worten: "Biologischer Stress ist die unspezifische Reaktion des Organismus auf Belastungen".
Diese biologische Reaktion ist so komplex, dass auch ein halbes Jahrhundert danach keine Berechnung und keine Technik das physiologische Gleichgewicht künstlich herbeiführen können: Wie seit Urzeiten muss man seine natürlichen Bedürfnisse und Grenzen kennen lernen und ausloten, um im Stress gesund zu bleiben. Als erste Hilfe hierzu war und ist dieses Buch gedacht.



